“Was macht Ihr eigentlich so?” Open Science Dienstleistungen für Forschende der Uni Bern

Kürzlich konnte ich einer Gruppe von KollegInnen aus einigen Teilbibliotheken der Berner UB die Arbeit des Open-Science-Teams der Universitätsbibliothek Bern vorstellen. Das gab mir die Chance, ein wenig über unsere Aufgaben und den Kontext, in dem sie stehen, zu reflektieren. Das ist einerseits der Wandel der Wissenschaftsommunikation seit der Jahrtausendwende und andererseits der Kontext der Universität, die mit diesem Wandel täglich konfrontiert wird. Hier ist eine gekürzte Version meines Vortrags. 

Der Wandel in der Wissenschaftskommunikation seit 2000 

Bis vor zwanzig Jahren schien das Subskriptionsmodel unantastbar und das papiergebundene Artefakt – sei es Zeitschrift oder Buch – eine heilige Kuh. ForscherInnen zielten einzig darauf ab, in namhaften Zeitschriften bzw, Verlagen zu publizieren. Bibliotheken schafften aufgrund der Auswahl ihrer FachreferentInnen physische Bestände an, die durch Ausleihe den Forschenden zugänglich gemacht wurden. Verlage waren sich ihres Monopols so sicher, dass sie die Preise für die Literatur, die sie herstellten, uneingeschränkt in die Höhe treiben konnten.

Seit der Jahrtausendwende bringen jedoch die Digitalisierung und Open Access Veränderungen mit sich, die Forscher, Bibliotheken und Verlage betreffen. Eine wichtige Zäsur in diesem Wandel war zweifelsohne die Erklärung der «Budapest Open Access Initiative» von 2002, weithin bekannt unter dem Namen «Budapester Erklärung».

Das ist nun fast zwanzig Jahre her und manche meinen, der Wandel hin zu Open Access gehe zu langsam, andere wiederum haben noch immer Probleme, sich den Änderungen zu stellen. Fakt ist: Seitdem Forschungsförderer wie die EU oder der SNF Open Access für Ihre Fördergeldempfangenden zur Bedingung machen und Universitäten wie die Uni Bern Forschungs-Evaluationen an die Befüllung ihrer Repositorien knüpfen, erhöht sich der Zugang zu Forschungspublikationen. Und das ist eine gute Sache.

Open Access zu Publikationen wie Zeitschriftenartikeln oder auch Büchern ist jedoch nicht die einzige Entwicklung in der Wissenschaftskommunikation, die die Arbeitsweise der Forschenden und die Bibliotheksangebote auf den Kopf stellt. Seit ein paar Jahren wird auch der Ruf nach dem offenen Zugang zu den Forschungsdaten, auf denen diese Publikationen aufbauen, immer lauter. Auch ihn fordern Förderer inzwischen ein. Der SNF schreitet hier voran, und das nächste Rahmenprogramm der EU, Horizon Europe, wird ähnlich aussehen.

Das bedeutet, dass die Datenmengen zunehmen und immer mehr davon frei zugänglich gemacht werden müssen. Das ist ein neues Feld, das  viele Bibliotheken für sich entdecken können; es ist allerdings auch eine technische Herausforderung. Man denke an die wunderbare Errungenschaft des Event-Horizon-Telescope Projekts, das letztes Jahr mit einer Datenmenge von 4 Petabytes – das sind 4 Millionen Gigabite – dem Antlitz eines schwarzen Lochs auf die Spur kam.


The first direct visual image of a black hole in Messier 87, a supergiant elliptical galaxy in the constellation Virgo. Event Horizon Telescope. https://www.eso.org/public/images/eso1907a/ CC-BY

Wie geht das Open-Science-Team der Uni Bern damit um?

Diese anhaltende Welle der Veränderung in der Art, wie Forschungsergebnisse kommuniziert werden, erfordert Anpassungsfähigkeit und Dynamik nicht nur von den Forschenden, sondern auch von unserem Open-Science-Team und der Bibliothek, der wir angehören. Essenziell sind dafür die Teamarbeit, ein gemeinsames Angehen von Herausforderungen und eine gute Kommunikation innerhalb des Teams, aber auch darüber hinaus. Wichtige Partner sind v.a. Forschende, die Uni-Verwaltung, die Bibliotheksleitung und die KollegInnen in der Bibliothek. Zu einem gemeinsamen Vorgehen zu finden, ist aufgrund der tiefgreifenden Veränderungen nicht immer einfach und erfordert Flexibilität und Offenheit auf allen Ebenen, denn die Veränderungen in den Abläufen und Zuständigkeiten können sehr schnell passieren. Darüber hinaus ist es bisweilen schwierig, die Relevanz von OS zu vermitteln, neben allem anderen, was relevant ist – und das gilt nicht nur für die KollegInnen innerhalb der Bibliothek, sondern nach wie vor auch für manche Forschende.

Ein aktuelles Beispiel sind die neuen Read & Publish-Deals, die als neues Geschäftsmodell der grossen Verlage zur Verfügung stehen. In den letzten Jahren liefen Open-Access-Gold Finanzierungen vorwiegend über Article Processing Charges (APCs), und viele Bibliotheksteams waren gerade dabei, Supportangebote aufzubauen, um den ForscherInnen  bei  dieser neuen Art zu publizieren behilflich zu sein.


OpenAire (2017): OpenAire H2020 Fact Sheet for Researchers. https://www.openaire.eu/openaire-h2020-fact-sheet-for-researchers-2017

Für die Verlage war – und ist – die lukrativste Variante dieses APC-Modells das Hybrid-Modell bei dem sie hohe APCs für einzelne Aufsätze zusätzlich zu den weiterlaufenden Subskriptionseinnahmen erhalten (haben). Allerdings war abzusehen, dass das Modell nicht auf ewig laufen würde. So weigern sich z.B. Forschungsförderer wie der SNF, die APCs für Hybrid Open Access zu übernehmen. Gleichzeitig wächst der Druck von Förderern und Regierungen, Forschungsergebnisse aus Projekten, die mit öffentlichen Geldern unterstützt wurden, frei zugänglich zu machen. Die Verlage stellten sich auf diese Veränderungen ein und es entwickelte sich ein neues Geschäftsmodell: Read & Publish.

Read & Publish heisst, dass die meisten Zeitschriften eines Verlags nicht nur subskribiert sind, sondern auch den Forschenden ohne weitere Gebühren oder APCs als Publikationsort offenstehen. Dieses neue Modell mag eine Vereinfachung suggerieren, aber es ist alles andere als ideal, denn Read & Publish ist noch teurer als die Subskriptionsdeals, die wegen ihrer Überteuerung bereits vor Dekaden die Wissenschaftskommunikation ins Wanken brachten. Die Wissenschaftskommunikation läuft weiterhin Gefahr, Open Access Publikationen zu einem finanziellen Privileg zu erheben. Das kann dem freien Austausch im Budapester Sinne nicht entsprechen.

Fakt ist jedoch, dass diese Deals jetzt abgeschlossen werden. Das Schweizer Konsortium hat bisher R&P-Deals mit Springer und Elsevier unterschrieben – weitere sind in Planung und kommen im Laufe der nächsten Monate auf uns zu.

Unserer Universitätsbibliothek bleibt bei solchen grossen Verschiebungen nichts anderes übrig, als Stellenanteile auf das Management dieser Aufgaben anzuwenden und neue Dienstleistungen zu entwickeln, um den ForscherInnen bei dieser Veränderung zur Seite zu stehen, denn die Deals umfassen Hunderte von Zeitschriften und der administrative Mehraufwand, den der Umstieg auf das neue Modell mit sich bringt, ist beträchtlich.

Wie gehen wir solche neuen Aufgaben an? Und welche Aufgaben sind das überhaupt?

Grob gesagt, sind unsere Aufgaben eine Mischung aus Infrastrukturangebot und Dienstleistungen. Zunächst geht es darum, neue Fässer für den Wein zu bauen und die vorhandenen weiter zu pflegen.

Dann sind wir ständig dabei, Dienstleistungen zu entwickeln, die den Forschenden dabei helfen, sich in der veränderten Situation schnell und möglichst unkompliziert zurecht zu finden. Zum Beispiel haben wir einen DMP Review Service aufgebaut, Beratungsangebote rund um Open Science Themen entwickelt, und halten regelmässige Schulungen und Workshops ab.

Ganz wichtig ist: Nichts davon geht im Alleingang. Es bedarf wirklich eines Teams, dass sich austauscht und schnell auf Veränderungen reagieren kann. Und mit “Team” ist nicht nur das OS-Team, sondern alle Beteiligten in der Bibliothek und auf dem Campus gemeint. Man kann z.B. die schönste Dienstleistung und den besten Workshop entwickeln – wenn die ForscherInnen nichts davon wissen, steht man alleine da. Kommunikation in den Campus hinein ist also sehr wichtig.  Dazu arbeiten wir nicht nur mit der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit zusammen, sondern auch mit unseren FachreferentInnen, dem Grants Office, den Kliniken, Graduate Schools und Instituten.


Heraklit – Fragment from the Derveni Papyrus – Public Domain

πάντα ῥεῖ — ein Ausblick

Es ist nicht zu erwarten, dass die Veränderungen in der Wissenschaftskommunikation in absehbarer Zeit ausgestanden sein werden. Mittelfristig stehen einige Herausforderungen ins Haus: Bis 2024 sollen laut der nationalen Open Access Strategie der Schweiz alle öffentlich geförderten Projektergebnisse öffentlich zugänglich sein. Horizon Europe wird nachziehen und – wenn PlanS greifen wird – sogar strengere Parameter anlegen als derzeit der SNF. Gleichzeitig werden auf nationaler Ebene weitere Read & Publish-Deals anvisiert, und es wird darüber hinaus weitere Entwicklungen geben, auf die man eingehen muss: vom Datenmanagement bis zum Open Access Monitoring. 

Es bleibt beim stetigen Wandel. 

Beitragsbild: Chaurasi Devataon-wali Gai, “The Cow with 84 deities” by Raja Ravi Varma, Public Domain

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